19 x 5 Einfamilienhaus in Dresden

16.06.2014 -  

Ist es eine Philosophie, ein Trend oder endlich die Wiederentdeckung der Harmonie des Einfachen? Seit einigen Jahren wird zunehmend wieder schlicht gebaut – auch wenn man noch danach suchen muss. Schlicht nicht im Sinne von simpel oder anspruchslos, sondern vielmehr im Sinne von gekonnter Konzentration auf das Wesentliche. Formale Reduktion in Verbindung mit harmonischen Proportionen und durchdachter Detailgestaltung bei Verwendung weniger, aber ehrlicher Materialien, die entsprechend ihrer Beschaffenheit und Qualitäten eingesetzt werden.

Das Architekturbüro rietmann.breuningerarchitekten hatte das Glück, von Bauherren mit der Planung eines Einfamilienhauses beauftragt zu werden, die diese Schlichtheit schätzen. „Wir bauen einfach, koste es, was es wolle“, sagte Mies van der Rohe und meinte damit, dass die konstruktive Ausbildung schlichter Details und die gewollte architektonische Askese nicht gleich bedeutend mit billigem Bauen ist. Nichts lässt sich überkleben und vertuschen, der Anspruch kann nur mit dem Durchdachten und sorgfältig Geplanten umgesetzt werden. Je geradliniger und simpler ein Element wirkt, desto aufwendiger ist häufig seine konstruktive Ausführung.

Voraussetzung – Städtebau – Standort
Der Anspruch der Bauherren war da, ebenso das Grundstück mit dörflichen Charakter unterhalb der Kirche in einem alten, gewachsenen Stadtteil im Dresdener Südosten sowie der Wunsch, ein Haus zu bekommen, das Platz für zwei Erwachsene und drei Heranwachsende hat. Und natürlich die Verbundenheit zum Werkstoff Holz, der – richtig verarbeitet – so viele Möglichkeiten bietet. Leubnitz-Neuostra geht zurück auf 13. Jahrhundert und zeigt sich heute als ein autark entwickelter Stadtteil in Dresden. Bekannt ist er vor allem durch seinen alten Dorfkern, der zu den am besten erhaltenen in Dresden zählt. Dort liegt das nach Westen hin abfallende Grundstück unterhalb der auf einer topografischen Anhöhe errichteten romanischen Kirche aus dem Jahr 1430. Trauf- und giebelständige Häuser mit ein und zwei Geschossen aus verschiedenen Jahrhunderten bestimmen das Ortsbild.

Entwurf und Konstruktion
Das neu geplante Haus nimmt den Dialog mit dieser Baustruktur auf und füllt eine Baulücke an einer Straßengabelung. Ein massives Untergeschoss gräbt sich in den Hang ein, bietet mit seiner Öffnung zum Garten hin Platz für die Heranwachsenden und ist gleichzeitig Fundament für den Holzbau. Ein schiefwinkliges Satteldach mit 33° und 43° Dachneigung sitzt auf dem 19 x 5 m langen Baukörper. Mit seiner Kubatur fügt sich das Gebäude in die Maßstäblichkeit und Optik des Stadtteils ein. Die homogene Ausbildung von Dach und Fassade über die Länge von 19 Metern schafft ein optisches Gegengewicht zur Kirche auf dem Hügel. Scharfe Kanten und bündige Flächen lassen das Haus noch schlichter erscheinen als die einfachen, vormals der Landwirtschaft dienenden Höfe in der Umgebung.

Die Ansichten werden bestimmt durch eine senkrecht stehende Lamellenstruktur aus Lärchenholz, die sich der Länge nach komplett über das Haus legt. Die Öffnungen für Fenster und Türen ordnen sich der gestalterischen Strenge unter. Das massive Untergeschoss ist zum Garten hin breiter und wird für das Wohngeschoss zum Balkon und Steg entlang der Längsseite. Der Innenraumeindruck bietet lange Blickachsen und eine offene Dachuntersicht, die das Volumen des Baukörpers erlebbar machen. Die ästhetische Anmutung ergibt sich aus der Beschränkung auf wenige Materialen, die mit präzisen Details gefügt sind. Decken- und Wandflächen zeigen das Nadelholz der eingesetzten Brettstapelelemente, die Böden sind ganzheitlich aus Beton und bilden einen ruhigen Kontrast zum lebendigen Bild des Holzes.

Die Konstruktion ist denkbar einfach: eine Brettstapelwand, zwei massive Giebelwände und vier Sattelrahmenbinder bilden das statische System, geleimte Brettstapelelemente werden als massive, flächige Wand- und Deckenfelder eingesetzt und übernehmen neben den statischen auch bauphysikalische Aufgaben. Die zum Raum hin sichtbare Konstruktion erzeugt durch ihre Masse und ihr Feuchtespeichervermögen ein sehr angenehmes Raumklima und erfüllt die Ansprüche an den winterlichen und sommerlichen Wärmeschutz. Die Dämmung der Bauteile erfolgt auf der Außenseite mit einem Zellulosedämmstoff als Gefachdämmung mit einer aufgeschraubten Trägerkonstruktion. Ein Trapezblech aus Aluminium leitet das Wasser der Dachflächen über Rinnen und Fallrohre ab und bleibt unter der Fassadenverkleidung nach außen verdeckt.

Der Heterogenität des Ortes wird ein Gebäude mit eigenständiger Präsenz entgegengesetzt, Materialität und Detaillierung des Hauses setzen auch im Innern ihren Dialog fort.

Sicht- und Hitzeschutz
Im Frühjahr 2014 rüsteten die Bauherren an sieben Fenstern Sonnenschutz von Warema nach. Im Auftrag der Bauherren sollte vom Fachpartner des Unternehmens, der Rolladen- & Markisenbau Dresden GmbH, eine Lösung gefunden werden, die verschiedensten Anforderungen entsprechen musste. Gewünscht war ein effektiver Sicht- und Blendschutz, der die Sonnenwärme an heißen Tagen aussperrt. Die anzubringenden Anlagen sollten sich möglichst unauffällig in die Holzverkleidung der Fassade integrieren und keine Überstände haben. Eine weitere wichtige Vorgabe: es sollte eine textile Verschattungslösung gewählt werden. Sogar das Stoff-Dessin wurde im Vorfeld von den Eigentümern ausgewählt.

Die Bauherren, die eigenständig auf der Internetseite des Herstellers recherchiert hatten, fassten zunächst Senkrecht-Markisen ins Auge. Im Beratungsgespräch wurden unter Berücksichtigung der Vorgaben verschiedene Lösungen erörtert. Die Wahl fiel schließlich auf Fenster-Markisen mit ZIP-Führung. Überzeugt haben hier vor allem drei Gründe: die flächige Führung des Stoffes ohne Lichtspalte, die hohe Windstabilität sowie die für den gewünschten unauffälligen Einbau zur Verfügung stehenden Blendengrößen. Montiert wurden schließlich sechs Fenster-Markisen mit ZIP-Führung und dezenten Blenden sowie eine Fassaden- Markise mit einem Neigungswinkel von 33 Grad für das Fenster in der Dachschräge. Der nachträgliche Einbau der Anlagen erforderte die Anpassung der Fassadenverkleidung aus Lärchenholz. Diese musste teilweise demontiert, angepasst und wieder angebracht werden. Die am Fenster angrenzenden Terrassendielen wurden ebenfalls zunächst demontiert, damit die Führungsschienen der Anlagen sauber integriert werden konnten. Die Bedienung der Anlagen erfolgt per Funksteuerung über einen Wandtaster, Mauerdurchbrüche waren so nicht nötig.